Pantanal pauschal (Oder – die Reise meines Lebens)

Fernweh? Kindheitstraum? Spontane Idee?  Nein – ein Wunsch, der sich nun erfüllt, das beschreibt am besten, was ich im Juli 2020 erleben darf. Eine Reise nach Brasilien. Genauer gesagt, ins nördliche Pantanal, „dem Sumpf“…

Was sich so abenteuerlich liest, ist in Wirklichkeit aber nichts anderes als die Pauschalreise mit einem deutschen Reiseanbieter. Und dennoch – für mich die Reise meines Lebens.

Natürlich habe ich schon viele Reiseziele außerhalb Deutschlands besucht. Ob Paris, oder die Atlantikküste Frankreichs. Die Küsten Dänemarks. Viele Städte und Regionen in den Niederlanden, Belgien und England. Schulausflüge in die Schweiz und nach Österreich. Badeurlaub im damaligen Jugoslawien und in Italien. Schildkrötensuche und Familienurlaube in Griechenland, und auf der spanischen Insel Menorca. Auch beruflich habe ich einige europäische Länder und Städte besuchen dürfen.

Bei Gesprächen mit Freunden habe ich immer mal wieder den Wunsch geäußert, einmal in New York Urlaub machenzu wollen. Mit dem Zusatz: „Vielleicht wenn die Kinder mal groß sind.“ Aber das muss  jetzt warten. Die Kinder sind zwar jetzt groß, aber im Laufe der letzten zehn Jahre entwickelte sich ein ganz anderer Wunsch: Einmal einer Köhlerschildkröte (Chelonoidis carbonarius) in einem ihrer vielfältigen Lebensräume zu begegnen. Köhlerschildkröten kommen ursprünglich aus Süd- und/oder Mittelamerika. Das ist ganz schön weit weg. Zudem leben sie in Grassavannen, Galerie- und tropischen Regenwäldern. Ich habe schon etliche griechische und maurische Landschildkröten, sowie Breitrandschildkröten in Südeuropa gesucht, und beobachten dürfen. Im griechischen Hinterland hat man gute Chancen, den gepanzerten Reptilien zu begegnen. Aber mal eben nach Brasilien, oder in ein anderes südamerikanisches Land fliegen, und nach Schildkröten suchen? Ich bin kein Abenteurer, und auch wissenschaftliche Ziele verfolge ich nicht. Aber ich halte eine Tierart, die ihren Ursprung knapp 11000 km entfernt von Bottrop (meiner Heimatstadt) hat.

In meinen Kindheitstagen besuchte ich (un)regelmäßig den Duisburger Zoo mit meinen Eltern. Die meiste Zeit verbrachte ich vor dem Gehege der Köhlerschildkröten. Schon damals wollte ich immer diese bunten Schildkröten zuhause pflegen. Im Erwachsenenalter versuchte ich erst dann diese Art zu erwerben. Aber damals war es fast unmöglich diese Schildkrötenart zu bekommen. Zum einem, weil Halter dieser Art sehr rar waren. Zum anderen gab es damals fast ausschließlich Importtiere, die unbezahlbar waren, und schon gar nicht zu den „Anfängerschildkröten“ gehörten.

Naiv und dennoch gut vorbereitet entschied ich mich dann für die Haltung europäischer Arten. Aber immer mit dem Hintergedanken, irgendwann mal Köhlerschildkröten halten zu wollen. 2009 war es dann so weit. Bereits lange zuvor las ich alles, was Bücher, Zeitschriften und Internet hergaben. Im Laufe der letzten zehn Jahre habe ich dann etliche Artikel aus Literaturverzeichnissen zusammengesammelt und gelesen. Halterberichte, Reiseberichte, Berichte aus der Feldherpetologie und Zoologie. Auf Fachtagungen besuchte ich nationale und internationale Vorträge und Referate.

Auf Grund meiner Vergleichserfahrungen „freier“ europäischer Landschildkröten in ihren Lebensräumen, mit der bei mir zuhause in ihren Gehegen lebenden Nachzuchten weiß ich worauf es ankommt, wenn man von „naturnaher“ und/oder „artgerechter“ Haltung spricht. Und im Bezug auf meine Köhlerschildkröten möchte ich nun auch wissen, was es bedeutet ständig hoher Luftfeuchtigkeit bei ebenfalls hohen Lufttemperaturen ausgesetzt zu sein. Welche Pflanzen wachsen dort wirklich? Mit welchen Tierarten teilen sich Köhlerschildkröten ihren Lebensraum? Welche Geräusche und Gerüche nimmt man war? Und jetzt bitte nicht lachen, wenn ich frage: Wie schmeckt die Luft im Habitat…?

Jeder, der schon mal einer Schildkröte im natürlichen Lebensraum begegnen durfte, und gleichzeitig diese Art zuhause pflegt, erkennt oftmals die perverse Wahrheit, dass jedes noch so schön und naturnah gestaltete Gehege dennoch nur ein Minimalkompromiss für die Schildkröte sein kann. Und man merkt, wie wichtig es ist, den Lebensraum so gut wie möglich kennenzulernen, um so viel wie möglich in die Gestaltung der Gehege mit einzubeziehen. Im Juli 2020 ist dieser Moment für mich gekommen, und ich fliege mit dem Ziel, einmal einer Köhlerschildkröte in ihrem Lebensraum zu begegnen nach Brasilien. In der Hoffnung viele Eindrücke mitnehmen zu können, und diese zu nutzen, um meine Gehege im gegebenen Fall (weiter) zu optimieren.

Die Vorbereitungen zu dieser Reise sind allein schon abenteuerlich. In den kommenden Wochen und Monaten stehen noch einige Impfungen an. Ein wenig brasilianisches Portugiesisch muss gelernt werden. Alte und Aktuelle Reiseberichte werden gesucht und gelesen. Stundenlanges Videomaterial angeschaut. Und alles mit einer Vorfreude, die ich gar nicht beschreiben kann…

Ein außenstehender kann das wahrscheinlich gar nicht verstehen. Aber diejenigen, die ähnliche Ziele verfolgen, die wissen jetzt, was ich gerade empfinde.

Dankbarkeit und große Vorfreude….

 

(Fortsetzung folgt)